Das heutige Bismarck-Gymnasium ist viel älter als die Stadt Karlsruhe selbst. 1586 als „Gymnasium illustre“ unter Markgraf Ernst Friedrich in Durlach gegründet, verlegte es Markgraf Karl Wilhelm, nachdem Durlach durch 1689 die Franzosen zerstört worden war, 1724 in die neun Jahre zuvor neu gegründete Residenzstadt „Carolsruhe“. Zuerst unterrichtete man in der Langen Straße (Kaiserstraße), ab 1807 bezog man die beiden Flügel zur Seite der Stadtkirche. 1874 wurde das Lyceum am heutigen Ort in der Bismarckstraße, die 1872 nach dem Reichskanzler benannt worden war, untergebracht. Der 440-jährige Geburtstag ist Anlass, historische Persönlichkeiten, die im Laufe seiner Geschichte die Schule besuchten, und aktuelle Ereignisse miteinander zu verbinden.
In den kommenden Wochen wird durch die Fußball-WM in Mexiko, den USA und Kanada der Fußball wieder vermehrt in den Fokus rücken. Anlass für uns, den „Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte“, in den Blick zu nehmen.
Teil I: „Mit Lederball und Trikot auf dem Engländerplatz“: Walther Bensemann (1873-1934): Fußballpionier, Journalist und Kosmopolit

Der Fußball in Süddeutschland hat eine Gründungsgeschichte eigener Art: 1889 war mit Walther Bensemann ein neuer Schüler in die Unterprima des heutigen Bismarck-Gymnasiums aufgenommen worden, der sich bald einen Fußball aus der Schweiz kommen ließ. Zusammen mit seinen 49 Klassenkameraden kickte er in der ersten 10-Minuten-Pause auf dem Schulhof, bereits nach wenigen Minuten musste ein Fenster der Schule daran glauben – eine Geschichte mit Folgen, denn: Der damalige Schulleiter, Dr. Gustav Wendt, verdonnerte die Kicker nicht zum Arrest, sondern schickte sie auf den benachbarten Engländerplatz, wo das neue Spiel sich entfalten konnte und einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Die Verbreitung des Fußballs nahm ihren Anfang.
Walther Bensemann wurde am 13.1.1873 in Berlin geboren. Erste Kontakte zum Fußballspiel erhielt er in der Schweiz, wo er in Montreux als Schüler einer Privatschule bereits im Jahr 1887 einen Fußballclub gründete. Von dort kam er nach Karlsruhe und ging auf das Karlsruher Lyceum (heute Bismarck-Gymnasium), wo er 1893 sein Abitur ablegte. In Karlsruhe gründete er bereits 1889 den Karlsruher Footballclub, aus dem 1891 der spätere Deutsche Meister Karlsruher Fußballverein (KFV) hervorging.
Bensemann wirkte aktiv an der Gründung zahlreicher Vereine in Deutschland mit. Den völkerverständigen Charakter erkannte er ebenfalls sehr früh: Auf sein Betreiben wurde erstmals ein deutsches Fußballteam nach Frankreich eingeladen.
Als Delegierter des FC Phönix Karlsruhe nahm Bensemann bei der Gründung des Deutschen Fußballbundes (DFB) am 28. Januar 1900 in Leipzig teil. 1920 gründete er die bis heute erscheinende Fußballfachzeitschrift „kicker“. In ihm sah er ein Symbol der Völkerverständigung durch den Sport. 1928 rief er im Schlosshotel Karlsruhe den Club der Alten (CDA) mit verdienten Fußballpionieren aus verschiedenen Ländern ins Leben.
1933 musste Bensemann aufgrund seiner jüdischen Abstammung vor den Nationalsozialisten in die Schweiz fliehen. Die Vereinnahmung des Sports durch die Nationalsozialisten und der Ausschluss jüdischer Spieler und Funktionäre war für ihn, der mit Fußball „Völkerverständigung, Internationalität und Friedensidee“ verbunden und eine politische Vereinnahmung des Fußballs immer abgelehnt hatte, ein schwerer Schlag. Walther Bensemann starb am 14.11.1934 infolge eines Hirnschlags in Montreux.
Tobias Markowitsch/Naomi Gucul