„Nicht anwesend sein in der Schule“

… so lautete der Untertitel eines Vortrags zum „Schulabsentismus“ am 14.11.2018, der eine Kooperationsveranstaltung des Bismarck-Forums und des Elternbeirats war und somit das erste offizielle Eltern-Forum am Bismarck-Gymnasium.
Frau Berger-Haas von der Schulpsychologischen Beratungsstelle Karlsruhe entwirrte in ihrem interessanten und kurzweiligen Vortrag das sehr komplexe Thema für die Eltern. Sie spannte den Bogen von den einzelnen Ausprägungen des Schulabsentismus, möglichen Gründen für die Entstehung, frühzeitiges Erkennen und Gegensteuern bis hin zu Unterstützungsmöglichkeiten und Hilfen von verschiedenen Seiten. Sie lud immer wieder zur Eigenreflexion ein und konnte aus ihrem Beratungsalltag die Theorie mit praktischen Beispielen und Erfahrungen untermauern. Ihre Klarheit half die verschiedenen Abhängigkeiten, die zum Entstehen von Schulabsentismus führen können, leicht zu verstehen und die Notwendigkeit zu handeln nachzuvollziehen.

Im Einzelnen führte sie aus, dass es nicht die Ursache und die Ausprägung gibt. Allein die verschiedenen Terminologien von „blau machen“, „schwänzen“, „Schulverweigerung“,“Schulphobie“, „Schuldistanz“ bis hin zu „Schulaversion“ deuten auf die Vielfalt hin. Allen gemein ist die Unlust in die Schule zu gehen und zu lernen.

Es wird in zwei Ausprägungen unterteilt: Die aktive Form der Schulunlust in Form von störendem, aggressiven, nach außen gewandtem Verhalten, das auf aktivem Widerstand aufbaut.
Die passive Form hingegen zeichnet sich durch sogenanntes schulkonformes, angepasstes Verhalten aus. Eltern entschuldigen zum Teil über Wochen und Monate ihre Kinder und machen das Fehlen damit formal korrekt. Oder Schülerinnen und Schüler gehen zwar in die Schule, nehmen aber am Geschehen nicht teil und sind nur physisch anwesend. Ihr passives Verhalten fällt weder Eltern noch Lehrpersonen auf, da es so unsichtbar und unauffällig ist.

An Gymnasien tritt meist die letztere Form des Nicht-anwesend-seins auf. Es ist viel schwerer diese Passivität zu erfassen und damit zu arbeiten, als auf aktiv störende Kinder zu reagieren. Ziel sollte immer sein, den Kindern wieder einen Zugang zur Schule und zum Lernen zu ermöglichen.

Frau Berger-Haas erläuterte, dass die Ursachen immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus folgenden Bereichen seien: Individuelle Faktoren (z.B. psychische und physische Erkrankungen, Frustrationstoleranz, Problemlösungsstrategien), familiäre Faktoren (z.B. Suchtproblematik, finanzielle und materielle Nöte, Lebenskrisen, verschobene Verantwortlichkeiten, Krankheiten) und Umweltfaktoren, die den Bereich der Schule (z.B. Über-/Unterforderung, Schulkultur, fehlende Regeln und Kontrolle in der Schule) und Peergroup umfassen.

Meist entwickelt sich Schulabsentismus schleichend. wenn das Verhalten dann augenfällig ist und benannt wurde, sind die Beteiligten häufig hilf- und ratlos. Die Abwärtsspirale ist vorgezeichnet, wenn nicht reagiert wird: Erhöhte Fehlzeiten führen zu fehlender sozialer Einbindung und diese kann wiederum in die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten münden. Wird hierauf unangemessen reagiert und keine Lösung gefunden, so sind die weitreichenden Folgen wie Leistungseinbrüche, Schulwechsel, soziale Isolation oder Beziehungsstörungen absehbar. Diese können letztendlich in langfristigen Folgen wie Arbeitslosigkeit, Finanznöte, Ausbildungsabbrüchen, Konflikten, Suchtproblematiken oder chronischen Krankheiten münden.

Auch wenn es schwerfällt, viel Zeit und Energie kosten wird, ist es absolut notwendig im Interesse des jungen Menschen zu handeln. Eltern sollten lieber einmal zu viel als keinmal mit den Lehrpersonen Kontakt aufnehmen, wenn sich ein Bauchgefühl meldet, das sagt: „Da stimmt was nicht.“

Die Referentin verwies noch auf die Webseite www.faqyouschule.de, auf der kurze Videosequenzen, die sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven nähern, dargestellt werden. Sie können durchaus auch als Einstieg in das schwierige Thema dienen.

Im ersten Schritt geht es darum Informationen auszutauschen, Vereinbarungen zu treffen, an die sich alle Beteiligten halten können. Wichtig ist nicht nur das Verhalten des jungen Menschen weiter zu beobachten, sondern auch darauf zu reagieren. Hierbei können an allen Schulen sowohl die internen Beratungsangebote (Beratungslehrerin und/oder Schulsozialarbeiterin), als auch das Angebot der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Anspruch genommen werden. E-Mail: spbs@ssa-ka.kv.bwl.de
Die Jugendlichen müssen merken, dass alle an einem Strang ziehen und ihnen wieder einen Zugang zur Schule ermöglichen wollen und werden. Die Broschüre „Schulverdrossenheit und Schwänzen. Was tun? Ratgeber für Eltern“ kann Eltern eine erste Orientierung geben und zeigt auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf. Sie ist im Internet abrufbar unter: https://www.karlsruhe.de/b3/soziales/einrichtungen/sodi/infomaterial

Frau Berger-Haas unterstrich abschließend, dass frühes Erkennen und Handeln sehr wichtig sind, um insbesondere ein Fernbleiben von der Schule zu verhindern. Sie führte aus, dass eine stabile Rückkehr in die Schule erfahrungsgemäß doppelt so lange dauert wie die Zeit des Schulabsentismus – und es kostet alle Beteiligten viel Energie.

Unser besonderer Dank geht an die Referentin des Abends, Frau Berger-Haas. Vielen Dank auch allen Eltern, die sich an dem Abend diesem schwierigen Thema gestellt haben. Ebenso danken wir Frau Drewek, der Beratungslehrerin und Frau Hartung, der Schulsozialarbeiterin am Bismarck, die unserer Einladung gefolgt sind und ihre Möglichkeiten der schulinternen Unterstützung aufgezeigt haben. Nicht zuletzt danken wir dem Orga-Team des Bismarck-Forums, das den Abend durch Werbung und technische Unterstützung mit ermöglicht hat sowie dem Hausmeister für das Vorbereiten der Räumlichkeiten.

Für den Elternbeirat

Gudula Kiehle