Leinwand und Live-Musik

Bismarck-Schüler musizieren beim Stummfilmfestival Auch das Improvisieren muss geübt werden, betont Jan H. Kuschel. Deshalb studierte der Referendar am Bismarck- Gymnasium ein halbes Jahr lang mit fünf Schülern in der eigens hierfür gegründeten AG „Musik und Film“ einen Live-Soundtrack für Stummfilme ein. Das Ergebnis war nun am Sonntag am letzten Tag des Stummfilmfestivals Karlsruhe zu erleben. „Wir haben natürlich Eckpunkte festgelegt, etwa, wer wann einsetzt. Dazwischen bleibt aber viel Freiheit für Improvisation“, sagt der angehende Musiklehrer Kuschel. Träumerische und aus heutiger Sicht auch etwas grotesk anmutende Fantasy- Stummfilme eigneten sich dafür besonders, wie die fünf Gymnasiasten bei der einstündigen Vorstellung im Stephanssaal bewiesen. Zusammen mit dem Pianisten und Musikpädagogen Frieder Egri, der als Spezialist für Stummfilm- Musik das Projekt vonseiten des Festivals betreut hat, vertonten sie beispielsweise „Les hallucinations du Baron de Munchhausen“ von Georges Meliès aus dem Jahr 1911. Er zeigt einen von Alpträumen geplagten Adligen nach einem Trinkgelage, der sich im Schlaf gegen aufbrausende Ägypter und durchgedrehte Drachen wehren muss. Die Geigen flirren, das Bett wackelt, der Zuschauer taucht ein in über hundert Jahre altes Fantasy-Kino. Nicht viel leichter als Münchhausen hat es „Le Maestro Do-Mi-Sol-Do“, ebenfalls von Meliés (1906), der sich mit schrumpfenden Notenpulten und mehreren Hühnern im Trichter der Tuba herumschlägt, während die Musiker vor der Leinwand Horn, E-Bass und Handtrommel bearbeiten. Ähnlich skurril kommt Meliès berühmter Klassiker „Die Reise zum Mond“ (1903) daher. Darin lassen sich Wissenschaftler auf den Mond schießen, wo sie Außerirdische heldenhaft mit Regenschirmen abwehren. Die Angreifer verpuffen in einem pyrotechnischen Effekt – jeder Hieb wird live von einem Paukenschlag synchronisiert. „Wir haben hier hochbegabte Kinder mit an Bord. Es wäre toll, wenn diese Kooperation nächstes Jahr wieder in dieser Konstellation stattfinden könnte – dann würden sie auch eigene Kompositionen entwickeln“, sagt Projektleiter Egri, der auch den am Samstag präsentierten Beitrag des Helmholtz-Gymnasiums (wir berichteten) für das Projekt „Schule und Stummfilm“ betreut hatte. Festivalleiter Josef Jünger zog eine positive Bilanz der diesjährigen Ausgabe. Fast alle der elf Vorstellungen seien sehr gut besucht gewesen. Das Festivalthema „Ernst Lubitsch und Filme aus dem jüdischen Milieu“ habe offenkundig viele Besucher angesprochen. Dass das Festival auch international wertgeschätzt werde, belege die Unterstützung durch die Sunrise Foundation for the Education and the Arts in Kalifornien mit einem ansehnlichen Betrag. nin/ja

Quellenangaben (BNN vom 19.3.2019, Ausgabe Nr. 66, S. 24) sowie der Zusatz „Mit freundlicher Genehmigung der Badischen Neuesten Nachrichten“.