Das Smartphone als Familienmitglied

War ich da richtig in der Veranstaltung? Unglaublich, dass dieser in meinen Augen moderne Fluch und Segen jetzt auch noch personalisiert wird.

Der Abend sollte mich eines besseren belehren. Wie nahezu hundert andere Eltern auch war ich der Einladung der Schulsozialarbeiterin Frau Hartung in Kooperation mit dem Förderverein gefolgt. In einer kurzweiligen, äußerst praxisnahen Präsentation des Medienpädagogen Tobias Gäckle-Bauchler haben wir interessante und aktuelle Informationen zum neuen Familienmitglied erhalten.

Dank der technischen Ausstattung des Smartphones und der mit ihm möglich gewordenen Kommunikationswege sitzen seit gut 10 Jahren immer öfter nicht nur die körperlich tatsächlich anwesenden Familienmitglieder sondern auch die erweitere Familie und der Freundeskreis mit am Tisch. Diese sind zum Teil fester Bestandteil vieler Unterhaltungen geworden. Bilder vom leckeren Abendessen sind genauso schnell verschickt, wie das Bild vom erreichten Gipfelkreuz aus dem Urlaub kommentiert.

Nach einem kurzen Ausflug in die Hardware dieses kleinen, tragbaren, immer griffbereiten Hochleistungscomputer verfolgten wir gemeinsam die Frage, was dieser mit uns als Gesellschaft und mit uns als Individuen macht. Wo kann er hilfreich, wo gefährlich sein? Den selben Fragestellungen ist der Referent mit Schulklassen der Unterstufe auch an den vorangegangenen Tagen nachgegangen.

Die kleine Kiste weckt Begeisterung und zieht uns in ihren Bann. Wir können damit jederzeit kommunizieren, uns unterhalten lassen und über „likes“ Anerkennung und Bestätigung bekommen. Vor allem junge Menschen, auf der Suche nach einer eigenen Identität, suchen im Netz nach virtuellen Idolen. Allerdings können sie weder wissen noch einschätzen, was echt und was künstlich ist oder wo Werbung versteckt wirkt. Eine reale Auseinandersetzung mit dem Idol findet nicht statt und kann zur Gefahr werden.

In sozialen Netzwerken unterwegs zu sein ist für Jugendliche so lange cool bis ihre Eltern in denselben auftauchen, dann ist es nur noch peinlich. Daher haben manche dieser Netzwerke durchaus ihre Popularität bei den Jugendlichen eingebüßt und Marktanteile verloren. Noch dominieren drei große Player den Markt der westlichen Welt, die chinesische Konkurrenz schläft jedoch nicht und drängt mit entsprechenden Angeboten auf den Markt.

Immer wieder stellt sich sowohl bei den Netzwerken als auch bei digitalen Spielen die Frage, wie diese Firmen Geld verdienen, wo doch vordergründig so vieles im Netz kostenlos zu sein scheint. Marktforscher_innen, Psycholog_innen, Werbestrateg_innen und Informatiker_innen untersuchen, erforschen und verbessern dank der für uns Nutzer_innen nicht sicht- und spürbar erfassten Bewegungs-, Surf-, Spiel- und Kommunikationsdaten (Metadaten) täglich unsere Wege, um uns noch gezielter mit Werbung zu umgarnen. Und in einem schwachen Moment kaufen wir oder unsere Kinder dann ein: Per Kreditkarte, mit Guthabenkarten, über prepaid-Verträge, den Handyvertrag oder über pay-save-Karten.

Trotz all der nahezu unüberschaubaren Fallstricke und Spielchen hinter den Kulissen können wir für uns und unsere Kinder die Erfassung der Daten einschränken und eine gewisse Kontrolle ausüben. Sei es durch die Auswahl seriöser Apps, die die Bestimmungen des Deutschen Datenschutzgesetzes einhalten, sei es indem wir bewusst und regelmäßig Apps auf ihre Berechtigungen hin überprüfen und uns unliebsame Zugriffe unterbinden. Sei es indem wir unseren Kindern ausschließlich solche Apps erlauben, die von der USK für ihr Alter eingestuft worden sind.

Ebenso wichtig ist es, wie für alle anderen Familienmitglieder auch, Regeln für den Umgang mit dem Smartphone oder anderen mobilen Datenmedien einzuführen, an die sich alle zu halten haben. Es sollten Gebote und Verbote für die Nutzung zu Hause vereinbart werden. Zu diesen Regeln sollte gehören, dass reale Personen und Probleme immer Vorrang haben, dass beim Telefonieren / Chatten der Raum verlassen und dass keines dieser Medien mit ins Bett genommen wird. Wichtiges sollte immer im realen Leben und nie per sozialem Netzwerk geklärt werden.

Elementar ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben. Hilfreich ist, eine regelmäßige Internetsuche zu sich und den Kindern, um die missbräuchliche Verwendung der eigenen Daten oder der persönlichen Daten der Kinder zu erkennen.

Jeder sollte sich über seine Rechte, die seine persönlichen Daten betreffen, bewusst sein und auch die Konsequenzen, die die missbräuchliche Verbreitung von Daten Dritter haben kann, kennen. Es sollte lieber zweimal nachgedacht werden, bevor etwas online gestellt wird. Das Internet vergisst nichts.

Sicherlich nicht zum letzten Mal habe ich mich mit diesem neuen Familienmitglied auseinander gesetzt. Ich werde mir immer wieder neues Wissen aneignen und über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben müssen, um meine Haltung neu überdenken, weiterentwickeln und vor allem vorleben zu können. Das ist Medienbildung, die ich mir, meinen Kindern und der Gesellschaft schuldig bin.

Gudula Kiehle